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Martin Kresse möchte mitgestalten in einem starken, grünen Team

Der 66jährige Diplom-Sozialwissenschaftler ist Vater von drei Kindern und lebt mit seiner Frau seit über 30 Jahren in Steinhausen. Ebenso lang engagiert er sich in der hiesigen Kommunalpolitik, in den letzten sechs Jahren als grünes Ratsmitglied. Martin kandidiert bei der Kommunalwahl am 13. September auf Listenplatz 6 und möchte vor allem sein Engagement im sozialen Bereich und in Fragen der Bürgerbeteiligung fortsetzen.

Martin, gestatte uns zu Beginn unseres Gesprächs bitte einen kurzen Blick zurück.  Du bist seit über 30 Jahren Mitglied im Ortsverband Korschenbroich von Bündnis 90/Die Grünen und warst zudem fast 17 Jahre dessen Sprecher. Wie beurteilst Du die aktuelle Situation Deiner Partei hier vor Ort vor dem Hintergrund Deiner langjährigen Erfahrung?

Martin Kresse: Klimaschutz und Bewahrung der Schöpfung sind gesellschaftlich zu einem Hauptthema geworden und haben eine hohe Anerkennung. Dieses ist für mich eine neue Erfahrung: In den Jahrzehnten zuvor haben wir diesbezüglich viel Gegenwind, Unverständnis und Verachtung erfahren. Jetzt sind die grünen Inhalte im Trend als Mainstream und meine Partei erlebt auch personell einen hohen Vitalisierungsschub, viel Kreativität und Freude in der Umsetzung grüner Inhalte. Dieser Rückenwind gibt auch mir persönlich viel Motivation und Zuversicht, gestaltende Kraft in Korschenbroich zu werden.

Inhaltlich profitierst Du sicherlich von Deiner beruflichen Erfahrung, Deine politischen Schwerpunkte liegen bei Sozial- und Bürgerrechtsthemen. Dass wir in unserem Wahlprogramm beispielsweise ganz prominent „Mehr alternative Wohnformen für Pflegebedürftige“ fordern, geht nicht zuletzt auf Deine Initiative zurück. Kannst Du den Hintergrund dieser Forderung bitte erläutern?

MK: Menschen mit und ohne Hilfebedarf wollen mit professionellen Helfern auf Augenhōhe über die Umsetzung ihrer Hilfen verhandeln. Schwerpunkt meines professionellen Engagements ist die Förderung von Selbstbestimmung und Selbstbefähigung. Damit rückt das Menschenrecht auf Teilhabe an allen Lebensbereichen und der Abbau von Barrieren in den Fokus: Professionelle Dienste sollen seltener individuell Hilfe leisten, dafür mehr Menschen zur gegenseitigen Unterstützung zusammen bringen und einen  Sozialraum gestalten, der alle trägt, von dem jeder profitiert, weil jeder mal Kind, Senior, krank oder behindert ist. Und die Normalos müssen in dieser inklusiven Gesellschaft lernen können, das Verschiedenheit dazugehört.

Dabei geht es ja ganz konkret um Projekte wie „Wohnen für Pflege“. Wie und wo könntest Du Dir einen solchen Ansatz in Korschenbroich vorstellen?

MK: Mit den ZWAR Gruppen hat man schon einen Schritt in Richtung „Leben im Quartier“ gemacht. In Korschenbroich fehlen aber noch alternative Wohnformen für Senioren. In Korschernbroich, Kleinenbroich und Glehn gibt es eine gute Pflegeinfrastruktur, nicht aber in den kleineren Stadtteilen. Dort müssen Senioren bei höherem Pflegebedarf ihre Häuslichkeit verlassen und ihr gewohntes Umfeld, was schmerzlich ist und hilfloser macht. Auch in den kleineren Stadtteilen brauchen wir also selbstverantwortete Pflege- und Hausgemeinschaften und betreutes Wohnen, Mehrgenerationenwohnen und Wohnen für Hilfe, damit unsere alternde Stadt gut gerüstet ist für die Zukunft.

Wir Grünen wollen bekanntermaßen, dass die Bürger*innen mehr am politischen Leben in Korschenbroich partizipieren. Wir wollen tragfähige Formen der Beteiligung etablieren, damit Politik und Verwaltung Entscheidungen vorbereiten und treffen können, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen vor Ort orientieren. Wie genau können wir unsere Forderung nach „Mehr Bürgerbeteiligung und mehr Transparenz in Rat und Verwaltung“ mit Leben füllen?

MK: Der Werkstadtprozess muss neu anlaufen. Dieser Neustart sollte meiner Meinung nach mit einem Bürgerrat beginnen: Etwa ein Dutzend zufällig ausgewählte und damit unterschiedliche Bürgerinnen und Bürger treffen sich und absolvieren das Programm wie beim Multiplikatorenkreis, dem bisherigen Treffen der Eliten. Wir wollen vielfältige Zukunftsperspektiven für Korschenbroich. Dieses Ergebnis wird mit dem der Multiplikatoren verglichen. Die Ergebnisse des Bürgerrates werden genauso allen Bürgerinnen und Bürgern in Stadtteilkonferenzen und der Onlinebefragung vorgestellt.

Weitere Formen der Bürgerbeteiligungen sind uns wichtig: so soll z.B. die Jugendkonferenz aufgewertet werden, indem auch politische Vertreter teilnehmen und nicht nur Verwaltung.

Wir wollen darüber hinaus zu mehr Transparenz über kommunalen Grundbesitz und über die finanziellen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten der Stadt kommen. Warum genau und wie sollen diese Informationen verarbeitet werden?

MK: Ich rechne mit einer grünen Beteiligung bei Koalitionsgesprächen. Um sie seriös zu führen, bedarf es eines Kassensturzes. Die Verwaltung muss uns die finanziellen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten ausarbeiten.  Wir können davon ausgehen, dass die städtischen Informationen konservativ gerechnet sind und wenig Spielraum geben. Das darf uns aber nicht abschrecken. Bald sind wir als Stärkungspaktkommune aus der Haushaltsicherung raus. Die schwarze 0 ist das eine, Investitionen in die Zukunft sind dringend überfällig und kommen nur durch uns Grüne.

Abschließend möchten wir noch den Blick auf ein Thema lenken, das in den letzten Monaten fast aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist. Als langjähriger Sprecher des Ökumenischen Arbeitskreises Asyl Korschenbroich ist Dir die Situation von Korschenbroicher Mitbürgern, die aus Krisenregionen und Kriegsgebieten hierher geflüchtet sind, ein besonderes Anliegen. Wo stehen wir da aktuell?

MK: Natürlich war die Corona Pandemie für die Flüchtlinge in den engen Unterkünften eine besondere Herausforderung, aber noch ist alles gutgegangen. Das Wertvolle an dem wertkonservativen, bürgerlichen Umfeld in Korschenbroich ist, dass es aktuell viele Ressourcen, Hilfsbereitschaft und bürgerschaftliches Engagement Flüchtlingen gegenüber gibt. Als ich vor 30 Jahren nach Korschenbroich kam und die Flüchtlingsarbeit mit aufgebaut habe (und in der Zeit des Kosovo Kriegs) gab es viel stärkere Widerstände bis hin zu offener Feindschaft ausländischen Mitbürgern gegenüber. Vermutlich ist dies nicht völlig weg. Diesmal haben wir aber eine Welle der Hilfsbereitschaft und Kooperation erlebt auch vonseiten der Stadtverwaltung.
Darüber hinaus muss uns Korschenbroichern klar sein, dass die Integration ausländischer Mitbürgerinnen ein langfristiger und mühsamer Aushandlungsprozess ist, kein Anpassungsprozess, der für beide Seiten mit Schwierigkeiten verbunden ist. Und das liegt in deutschem Interesse, weil Fluchtursachen zunehmen und unsere alternde Gesellschaft Zuwanderung dringend braucht.

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