birgit wollbold

Spitzenkandidatin fordert mehr Grün, besseren ÖPNV und nachhaltige Stadtentwicklung in Korschenbroich

Birgit Wollbold ist unsere Spitzenkandidatin im Kommunalwahlkampf 2020. Die 52jährige Politikwissenschaftlerin ist Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie im Zentrum von Alt-Korschenbroich. Nicht zuletzt deshalb engagiert sie sich besonders für das Thema Stadtentwicklung. Wir haben uns mit Birgit unterhalten und zusammen einige grüne Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung unserer Kommune erarbeitet.

Birgit, Du hast in Deinem Leben einige deutsche Städte wie Düsseldorf, Duisburg und Leipzig kennengelernt, zudem in Mailand und Paris gelebt. Nun ist Dein Wohnort seit einigen Jahren Korschenbroich. Lebst Du eigentlich gerne hier? Und wenn ja: Warum?

Birgit Wollbold: Ich lebe seit 8 Jahren in Korschenbroich. Aufgewachsen bin ich in Kaarst, komme also vom Niederrhein, auch wenn meine Familie eigentlich aus dem Saarland stammt, wo man traditionell enge Verbindungen zu Frankreich hat. Ich habe auch lange mit meiner Familie in Leipzig gelebt. Ich sehe mich als deutsch-deutsch-europäische Binnenmigrantin. Beruflich hat es uns vor einigen Jahren wieder nach Düsseldorf verschlagen. Als wir ein Haus rund um Düsseldorf gesucht haben, ist unsere Wahl auf Korschenbroich gefallen. Das kam nicht von ungefähr. Die Familie meines Mannes stammt mütterlicherseits aus Korschenbroich. Ich kenne Korschenbroich von den Besuchen bei Oma Tinni in der Hannengasse, bei der ich die Stadt und die Menschen kennen und lieben gelernt habe. Ich mag den unverblümten und direkten Humor der Leute hier. Die Menschen sind offen und kommunikativ. Das kommt meinem Naturell sehr entgegen. Ich mag Korschenbroich, weil es einen intakten Ortskern gibt, wo man alles bekommt, was man braucht, und wo die Schulen fußläufig zu erreichen sind. Außerdem ist man schnell im Grünen und kann sich dort erholen.

Welche drei Punkte fallen Dir hingegen auf Anhieb ein, die hier vor Ort dringend verbesserungswürdig sind?

BW: Spontan fallen mir da drei wichtige Punkte ein: Zunächst gibt es zu viel Autoverkehr und zu wenig innerörtlichen Personennahverkehr. Die Infrastruktur der Stadt Korschenbroich stammt aus einer Zeit, in der es noch keine Autos gab. Bausünden der 50er und 60er Jahre, in denen der Maxime der autogerechten Stadt gehorchend große Verkehrsschneisen durch deutsche Innenstädte geschlagen wurden, sind in Korschenbroich zum Glück nicht gemacht worden. Bei uns drängen sich aber zu viele Autos durch die engen Straßen. Ich möchte die Korschenbroicher dazu einladen, über Alternativen nachzudenken. Es geht dabei nicht darum, das Auto von der Straße zu verbannen. Vielmehr sollten wir einen intelligenten Verkehrsmix finden, bei dem das Fahrrad, der Bus und die S-Bahn eine immer größere Rolle spielen. Mich stört außerdem, dass zu viele Baugebiete ausgewiesen werden, die keine Anbindung an das Stadtzentrum und keine Gemeinschaftsflächen aufweisen. Wir Grünen sind gegen Flächenfraß und die Zersiedlung der Landschaft. Wir wollen keine Bebauungsstruktur nach amerikanischem Modell, in der sich um die Innenstädte eine endlose Suburbia-Landschaft erstreckt. Wir sind für kompakte, lebendige Ortskerne mit umliegenden Siedlungen, die mit der Stadtmitte verbunden sind, aber auch einen eigenen Charakter haben. Schließlich fehlen mir persönlich Bildungs- und Kulturangebote in der Stadt. Ich würde gerne weiter Italienisch oder Französisch lernen, ohne dafür nach Kaarst oder Düsseldorf fahren zu müssen. Wir haben mit der Volkshochschule einen kommunalen Bildungsträger, der ein breites Spektrum an Aktivitäten anbietet. Neben dem Bildungsauftrag stellt die Volkshochschule auch eine wichtige soziale Plattform dar. Korschenbroich hat sich im Bereich der Volkshochschule mit Kaarst zu einem kommunalen Zweckverband zusammengeschlossen. Leider finden die meisten Veranstaltungen in Kaarst statt. Das ist vor allem für Menschen mit wenig Zeit, aber auch für weniger mobile Senior*innen ungünstig. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass es mehr Angebote in den einzelnen Korschenbroicher Ortsteilen gibt.

Nun erfordern die Entwicklungen der letzten Jahre, die wir unter dem Stichwort Klimawandel zusammenfassen, von allen Städten und Gemeinden große Anstrengungen. Auch Korschenbroich muss sich nicht zuletzt eine gewisse Resilienz für extreme Wetterphänomene erarbeiten. Welche konkreten grünen Projekte können dabei zielführend sein?

BW: Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen, die wir in den nächsten Jahrzehnten zu bewältigen haben. Einerseits müssen wir alle dazu beitragen, unseren CO² Fußabdruck zu verkleinern. In den Bereich Energie, Verkehr, Bau, Produktion und Konsum müssen wir viel kreativer werden. Andererseits sind wir schon jetzt mit Klimaeffekten konfrontiert, auf die wir reagieren müssen. In den Städten brauchen wir möglichst viele Grünflächen und weniger versiegelte Böden, um Starkregenereignissen begegnen zu können. Ich begrüße hier ausdrücklich die Initiative der Stadt, eine Prämie auf den Abbau von Schottergärten auszuloben. Die Bemühungen um die Renaturierung der Niers dient unter anderem dazu, uns vor Überschwemmungen zu schützen. Gegen die Hitze der kommenden Sommer hilft vor allem innerstädtisches Grün. Wir werben unter anderem für die Begrünung von Flachdächern, um hohe Temperaturen abzupuffern.

Neben der Verkehrswende, die sicherlich auch großen Einfluss auf die Stadtentwicklung haben wird, ist uns besonders wichtig, dass die Verwaltung Begrünungskonzepte für die Ortskerne entwickelt. Wofür willst Du Dich im neuen Stadtrat diesbezüglich als erstes einsetzen?

BW: Wir brauchen mehr Grünflächen im privaten wie im öffentlichen Raum. Wir wollen die Gartenbesitzer davon überzeugen, naturnahe Gärten anzulegen und mehr Bäume zu pflanzen. Andererseits sollte auch im öffentlichen Raum auf naturnahe Bepflanzung geachtet werden. Ich möchte mich insbesondere für mehr Straßenbäume in Korschenbroich einsetzen. Diese sollen nicht nur der Begrünung, sondern auch der Hemmung des Autoverkehrs dienen. Auf unseren Straßen sind zu viele Autos unterwegs und es wird zu schnell gefahren. Wir Grünen wollen die Straßenbäume als natürliche Hindernisse auf die Straße pflanzen, um die Geschwindigkeit runterzuregulieren, und anderen Verkehrsteilnehmern mehr Sicherheit zu verschaffen. So können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Ein weiteres grünes Kernanliegen ist das Bewahren eines dörflichen Charakters der sehr verschieden geprägten Korschenbroicher Ortsteile. Eine flächenintensive Zersiedelung wird im Wahlprogramm dezidiert abgelehnt. Was genau bedeutet dies aber für die Zukunft? Soll etwa der Zuzug von Neubürgern komplett gestoppt werden?

BW: Der Zuzugsdruck aus den umliegenden Städten ist auch wegen der großen Preisunterschiede groß. Wir können uns dem nicht völlig entziehen. Unsere Strategie lautet: Nachverdichtung vor extensivem Flächenverbrauch. Wenn wir Neubaugebiete ausweisen, dann nur unter strengen Nachhaltigkeitskriterien. Dazu gehört auch eine ausreichende schulische Infrastruktur.

Du erwähnst „Strenge Nachhaltigkeitskriterien“. Wenn es dennoch zum Neubau von Siedlungen kommen sollte, welchen Maßstab legst Du da an?

BW: Uns Grünen ist vor allem die Verkehrsanbindung an die S-Bahn wichtig. Die meisten Zugezogenen pendeln ja in die umliegenden Großstädte. Wir wollen zusätzlichen Pendlerverkehr mit dem Auto vermeiden. Die zwei Korschenbroicher S-Bahnhöfe sollten von den Neubaugebieten mit dem Bus oder mit dem Fahrrad erreichbar sein. Neubauten sollten in Niedrigenergiebauweise errichtet werden. Außerdem wollen wir mehr sozialen Wohnraum schaffen. Gestalterisch sollten sich die Neubausiedlungen in den Kontext der hiesigen Bebauung einfügen. Sie sollten einerseits an den jeweiligen Ortskern angebunden sein, andererseits einen eigenen Siedlungs- oder Stadtteilcharakter mit Gemeinschaftsflächen haben. Hier gibt es interessante Vorbilder im Bereich der Arbeitersiedlungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Im grünen Ortsverband ist dein zweites Kernthema der Bereich „Soziales“, unter anderem leitest du den entsprechenden Arbeitskreis. In den Diskussionen der letzten Monate hat sich die Forderung nach inklusiven Wohnformen als besonders wichtig erwiesen. Wie könnten diese aussehen?

BW: Senior*innenheime müssen den strengen Richtlinien des Wohn- und Teilhabegesetzes (WTG) genügen. So dürfen beispielsweise die Bewohner*innen aus hygienischen Gründen nicht selber kochen. Die Einrichtungen haben oft krankenhausartigen Charakter. Viele alte oder pflegebedürftige Menschen möchten sich aber noch so viel wie möglich selbst versorgen und aktiv ihren Alltag gestalten. Es gibt eine Vielzahl von alternativen Wohnformen, angefangen von Alters-WGs bis hin zu selbstorganisierten Wohnformen mit integrierten Pflegeangeboten. Wir setzen uns für ein vielfältiges Angebot ein, damit die Menschen die Wohnform wählen können, die am besten zu ihnen passt.

Welche weiteren Ideen möchtest du in deiner zukünftigen Arbeit im Rat einbringen? Wie können wir die Lebensqualität für alle Korschenbroicher weiter steigern?

BW: Ich bin eine Leseratte, gehe gerne ins Museum, ins Kino, in die Oper und in Tanzaufführungen. Korschenbroich liegt inmitten der Metropolregion Rhein-Ruhr. Ich möchte mich für ein Kulturnetzwerk Korschenbroich einsetzen, das an der VHS Kaarst-Korschenbroich angesiedelt ist und gemeinsame Ausflüge mit dem Bus oder der Bahn zu den verschiedenen Kulturinstitutionen der näheren und weiteren Umgebung organisiert.

Birgit, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Dir und uns einen spannenden und letztlich erfolgreichen Wahlkampf!

(Dieses Interview ist der Auftakt von Gesprächen, die wir mit unseren Kandidaten für die Kommunalwahl 2020 veröffentlichen. Inhaltlich im Fokus steht dabei unser 12-Punkte-Programm „Mehr Grün für Korschenbroich“.)

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