Joerg Utecht: Ökologische Landwirtschaft und nachhaltige Ernährung fördern

Nicht zuletzt dank einer lebendigen Dorfgemeinschaft ist der kleine Korschenbroicher Ortsteil Schlich binnen weniger Jahre für Joerg Utecht zur Heimat geworden. Der 47jährige Journalist und Pressesprecher engagiert sich dort aktiv, seine Schwerpunktthemen sind Umweltschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Über sein Engagement für Geflüchtete und allerlei Aktivitäten im rheinischen Braunkohlerevier ist er bei Bündnis 90/Die Grünen gelandet und wurde im Januar 2020 zum Sprecher des Ortsverbands gewählt. Für den neuen Rat kandidiert er auf Platz 4 der grünen Liste.

Joerg, welche drei Dinge fehlen Dir in Bezug auf Dein Herzensthema, die Kulinarik, in Korschenbroich besonders?

Joerg Utecht: Ich bin nicht unzufrieden mit dem Angebot vor Ort. Es gibt in Radfahr-Distanz z.B. einen handwerklich arbeitenden Bäcker in Steinhausen, in Glehn einen Spitzen-Metzger mit eigener Schlachtung sowie ein Fischgeschäft, in Rubbelrath wird richtig guter Ziegenkäse gemacht, es gibt einige bäuerliche Hofläden, wir haben eine alteingesessene Brauerei in Neersbroich und sogar zwei tolle Restaurants im Stadtgebiet. Allerdings fehlt in Alt-Korschenbroich ein Wochenmarkt mit einem Angebot an nachhaltig, idealerweise ökologisch erzeugten Produkten. Was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass es in der ganzen Kommune keinen einzigen Bio-Gemüsebauern gibt – da bleibt bisher nur der Weg nach Odenkirchen, Neuenhoven oder Büttgen. Und schließlich sollten wir den Trend zur kleinteiligen Versorgung vor Ort mitgehen, Tante-Emma-Läden erleben als Dorfgeschäfte mit regionalen Produkten landauf-landab ein Comeback. Die großen Strukturen im Lebensmitteleinzelhandel sind nicht zuletzt der Absatzkanal industriell produzierter Lebensmittel. Und diese Branche gerät auch durch die Corona-Pandemie zunehmend unter Druck.  

Welche Anreize können denn Korschenbroicher Bauern gemacht werden, damit ein Umdenkprozess stattfindet und die Umstellung auf eine ökologische Wirtschaftsweise zumindest einmal erwogen wird?

JU: Die direkte Umstellungsberatung und -förderung ist Landessache. Allerdings können wir vor Ort wirtschaftliche Impulse geben, indem wir dem zukünftigen Biobauern Absatz- und Vermarktungsmöglichkeiten eröffnen. Neben dem erwähnten Erzeugermarkt fordern wir für Kitas und Schulen eine 50-Prozent Marke: Mindestens die Hälfte der von der Kommune beschafften Lebensmittel sollten aus hiesiger ökologischer Landwirtschaft/Produktion stammen. Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner hat mit der Aktion BioBitte 20 Prozent als Ziel ausgegeben, wir wollen das noch etwas engagierter angehen.

Wie können nachhaltige Ernährung und ein bewusster Umgang mit Ressourcen darüber hinaus gefördert werden?

JU: Da gibt es viele Ansatzpunkte, ich nenne nur zwei konkrete Beispiele: Wir haben in Korschenbroich qualitativ gutes und schmackhaftes Leitungswasser. Viele Bürger haben das schon erkannt und nutzen es täglich zum Trinken. Warum ist das nicht auch in allen öffentlichen Einrichtungen die Regel?  Und generell sollten konsequente Plastikvermeidung und die Verwendung von Produkten aus Recycling-Material in der Beschaffung oberste Priorität haben.

Eine Bewusstseinsänderung hin zu mehr Nachhaltigkeit erreichen wir wahrscheinlich nur, wenn wir schon die ganz Kleinen mit ins Boot holen.

JU: Ganz genau, darum wollen wir auch das Bildungsangebot zum Thema Ernährung in den Schulen stärken. Grundlagen dazu sollten im Regelunterricht vermittelt werden, mit zielführenden Vertiefungen in Projektwochen und Exkursionen.  Ein weiterer Ansatzpunkt könnte ein stärkeres, aktives Engagement der Stadt im kürzlich gegründeten Ernährungsrat Rhein-Kreis Neuss sein. Bisher ist diese Veranstaltung doch sehr auf die Kreisstadt fokussiert.
Ernährungsräte arbeiten vielerorts schon sehr erfolgreich als Instrumente der Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung, um die Ernährungspolitik auf lokaler Ebene zu gestalten. Dabei kommen Konsumenten, Landwirte, andere Lebensmittelproduzenten, Händler und Gastronomen, Aktivisten und Vertreter der kommunalen Politik und Verwaltung zusammen, um gemeinsam die lokale Versorgung mit Lebensmitteln auf soziale und ökologisch nachhaltige Weise zu beeinflussen.

(Dieses Interview ist Teil der Gespräche, die wir mit unseren Kandidaten für die Kommunalwahl 2020 veröffentlichen. Inhaltlich im Fokus steht dabei unser 12-Punkte-Programm „Mehr Grün für Korschenbroich“.)

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